…Mord bei Tante Léonie

Oder: Warum Literaturwissenschaftler nicht unbedingt geeignet sind, einen guten Roman zu schreiben.
Die anlässlich des Todestages von Marcel Proust geplante Tagung im Haus von Tante Léonie wird von dem Mord an der Präsidentin der Marcel Proust Gesellschaft überschattet. Das Motiv scheint mit den kürzlich entdeckten, unveröffentlichten Manuskripten von Proust zusammenzuhängen…
Wenn das mal nicht nach guter Unterhaltung für einen bekennenden Proustie klingt! Unterhalten wurde ich auch. Aber nicht, weil die Geschichte so toll oder spannend war. Eher, weil recht schnell klar wurde, warum die Autorin den Roman vermutlich unter einem Pseudonym veröffentlicht hat.

Er näherte sich dem Bett, und der Gedanke ging ihm durch den Kopf, daß er sich erst am Anfang einer Geschichte befand, wie ein unvorbereiteter Leser, der keine Ahnung von den Winkelzügen der Handlung hat. Er mußte die Zeichen interpretieren, befragen, erspüren, rekonstruieren, er mußte zurückgehen, um zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, und immer darauf gefaßt sein, sich zu täuschen. (S. 37)

Eigentlich eine sehr schöne Beschreibung des Lesens. Noch schöner wäre es, wenn der Leser die Chance gehabt hätte, diese Parallelen selbst zu entdecken. Das hätte aber sicher nicht funktioniert. Selbst gerade am Anfang einer Geschichte, gibt es für den „unvorbereiteten Leser“ hier nämlich gar nichts mehr zu entdecken. Die „Winkelzüge der Handlung“ sind längst klar. Die verbleibenden 180 Seiten quält uns die Autorin mit detaillierten Erklärungen und Interpretationen – und nimmt dem Leser so nicht nur eine Menge Arbeit ab, sondern auch jede Menge Spaß.

Jean-Pierre Foucheroux [der Kommissar] bewunderte die Ellipse und wartete geduldig auf die Fortsetzung. (S. 115)

Frau Zettelchen wünscht sich an dieser Stelle, es hätte mehr Ellipsen gegeben. Da wäre eine Fortsetzung auch gar nicht nötig gewesen. Stattdessen gilt es jetzt durchzuhalten. Schlimmer kann’s ja auch gar nicht mehr kommen…
Doch dann bietet der Kommissar seinem Inspektor am Ende des Buches – auch er hat den Fall inzwischen gelöst, knapp 200 Seiten nach dem Leser – eine Rekonstruktion der Ereignisse an. Nein, das kann jetzt nicht sein, oder?! Doch! Auf drei Seiten werden nochmal die Ereignisse des Romans zusammengefasst. Für alle Leser, die unterwegs in einen Tiefschlaf gefallen sind und an dieser Stelle zufällig gerade aufwachen, sicherlich hilfreich.
Frau Zettelchen rät: Finger weg! Lieber Proust lesen! 🙂

[Estelle Monbrun: Mord bei Tante Léonie. Verlag Das Neue Berlin 1996.]

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