…Ein so junger Hund

Man könnte meinen, unser Gedächtnis kenne zuweilen das, was dem Entwicklungsvorgang eines Polaroidfotos ähnelt. (S. 15)

Ein Frühlingstag im April 1992. Der Ich-Erzähler entdeckt zufällig eine alte Photographie, die der Photograph Jansen im April 1964 von ihm und seiner damaligen Freundin in Paris aufgenommen hat. Plötzlich erinnert er sich zurück an die erste Begegnung mit dem Photographen, den erste Besuch in dessen Wohnung. Drei Koffer voller Photographien, die er später zu ordnen und zu katalogisieren versucht; ein Photograph auf der Flucht vor seinen Freunden, seinem Beruf, vielleicht sogar seinem Leben, der immer auf der Suche nach dem Schweigen ist.

In der Tat, man schreibt mit Wörtern, und er, er suche das Schweigen. Eine Fotografie kann das Schweigen ausdrücken. Aber Worte? (S. 18)

Als Jansen schließlich verschwindet, hinterlässt er den unentwickelten Film mit den Photographien, die er an seinem letzten Abend in Paris aufgenommen hat. Wir können die Bilder nicht sehen, aber durch die zuvor beschriebenen Momentaufnahmen wird der Text selbst zu einer Art Photoalbum. Eine Zeit lang wartet der Erzähler noch auf ein Lebenszeichen von Jansen, eine Postkarte, eine kurze Nachricht – doch tief in seinem Inneren weiß er längst, dass er nie wieder etwas von dem Photographen hören wird. Ein letztes Mal unternimmt der Erzähler den Versuch, sich der Existenz Jansens und der kurzen Begegnung mit ihm zu vergewissern, indem er auf Spurensuche geht, bruchstückhafte Biographien, Adressen und Telefonnummern als Beweise sammelt. Was bleibt, ist eine Hand voll Photographien und ein Katalog imaginärer Bilder.

Vor ein paar Monaten habe ich „Das Café der verlorenen Jugend“ gelesen. Ich war so begeistert, dass ich mich seitdem einmal quer durch das Werk von Patrick Modiano lese – und noch kein einziges Mal enttäuscht wurde. Meist dauert es nur wenige Sätze, bis ich völlig im Buch versunken bin. Dabei könnte man glauben, dass es immer die gleiche Geschichte ist, die dort erzählt wird. Das Paris der 1960er Jahre, Zeit, Erinnerung, Identität, Liebe, wiederkehrende Motive. Trotzdem wird es nie langweilig. Weil Modianos Sprache so einen unglaublichen Sog ausübt, weil ich mich geradezu verliere in seinen Bildern, seinem Paris. Immer bleiben mehr Fragen als Antworten, es geht eher um einen Augenblick als um ein Leben. Am Ende meiner Rezension zu „Im Café der verlorenen Jugend“ habe ich mir gewünscht, Louki und ihr Paris noch etwas besser kennenlernen zu können. Ich glaube, es ist mir gelungen, denn ein kleines Stück „Jacqueline aus dem Nichts“ steckt in allen Büchern von Modiano.

[Patrick Modiano: Ein so junger Hund. Aufbau Verlag 2003.]

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Ein Kommentar zu “…Ein so junger Hund

  1. In Paris waren wir auch schon lange nicht mehr… 😉

    Tolle Rezension, Katja!

    (ich konnte mich wieder nicht über Facebook anmelden…)

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