…Adressat unbekannt

Kressmann Taylor?! Noch nie gehört. Sieht aber nach einem Briefroman aus. Ich mag Briefromane. Also fällt bei der Suche nach ein wenig Unterhaltung und Entspannung meine Wahl auf das schmale Bändchen in meinem SUB. Doch dann kommt alles ganz anders…

12. November 1932, Max Eisenstein schreibt einen Brief an seinen Freund Martin Schulse. Die beiden leiten zusammen eine Galerie in Kalifornien, doch kurz zuvor ist Martin mit seiner Familie nach Deutschland zurückgekehrt. Schnell wird klar, die beiden Männer verbindet mehr als nur ein zartes freundschaftliches Band zwischen Geschäftspartnern. Ohne Martin fühlt sich Max einsam und unvollständig. Nicht einmal die kurze Affäre zwischen Martin und Max‘ Schwester Griselle, aus der das junge Mädchen mit einem gebrochenen Herzen hervorgeht, kann einen Keil zwischen die Freunde treiben. Als dann politische Unruhen in Deutschland zum Thema der Briefe werden, kann sich Martin nur seinem Freund Max anvertrauen, nur ihm kann er von seinen Zweifeln und Hoffnungen berichten.

Was dann passiert, versetzt mich in eine Art Schockstarre. Auch lange nach dem Ende der Lektüre sitze ich noch bewegungslos mit dem Buch in der Hand da und lausche dem Aufruhr in meinem Kopf, spüre der Erschütterung in meinem Herzen nach. Ich will darüber reden, will über das kleine Büchlein mit der großen Wirkung schreiben. Aber wie?! Es wäre falsch, nun einfach den weiteren Verlauf der Geschichte in ein paar Worten zusammenzufassen. Wie sich die beiden Männer voneinander entfernen, welches Leid sie ertragen müssen, welche Rolle dabei die politischen Entwicklungen in Deutschland spielen und die Macht der Sprache – das muss jeder selbst lesen, jeder selbst erfahren. Ganz bewusst schreibe ich „muss“. Und jeder Leseeindruck zu diesem Buch wird zwangsläufig zu einem sehr persönlichen, eben weil es ein sehr persönlicher Text ist.

„Adressat unbekannt“ ist nicht ganz zufällig auf meinem SUB gelandet. Die Entdeckung dieses Büchleins verdanke ich dem Welttag des Buches und Binea und Mr. Rail von Literatwo, die die Bedeutung des Buches lange vor mir entdeckt haben. Ich hatte das große Glück, das Buch bei einem Projekt der beiden zu ergattern – und ganz nebenbei ihren Blog kennen- und liebenzulernen. Damals habe ich versprochen, von meinen Lektüreeindrücken zu berichten. Tatsächlich brauchte ich aber ein wenig Zeit, um meine Erfahrungen auch in Worte fassen zu können. Um das hier zu schreiben, habe ich das Buch ein zweites Mal gelesen und festgestellt, dass es kein bisschen seiner Sogkraft verliert. Bini und Mr. Rail – ich danke Euch! Dieses Buch hat mein Leserleben nachhaltig verändert. Ein kleines, leises Büchlein. Schnell gelesen, aber lange nicht vergessen.

[Kressmann Taylor: Adressat unbekannt. Hoffmann und Campe 2000.]

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…Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Eigentlich wollte ich nur die Onleihe der Stadtbibliothek ausprobieren. Also App installiert, angemeldet und schon ging die Suche nach einem geeigneten Titel los. Das war ziemlich mühsam, da die Suchmöglichkeiten doch recht eingeschränkt sind. In der alphabetischen Auflistung der Bestleiher (Dieses Denglisch finde ich übrigens extrem nervig!) fiel mir dann irgendwann dieser Titel ins Auge. Davon hatte ich schonmal was gehört. Ok, also ebook laden und lesen. Dachte ich. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Ich brauche erst noch eine zusätzliche App, mit der sich die Bücher dann tatsächlich lesen lassen. Also die App auch noch installieren. Jetzt aber. Nein, doch nicht. Jetzt brauche ich noch eine AdobeID. Wofür denn eigentlich? *seufz*

Aber dann. Nur schnell die ersten Seiten lesen, um herauszufinden, wie gut oder schlecht es sich auf dem iPad lesen lässt. Nach etwa hundert Seiten habe ich kurz (wirklich nur ganz kurz) darüber nachgedacht, dass ich eigentlich gerade gar keine Zeit habe für ein so dickes Buch. Aufhören ging aber einfach nicht. Also habe ich mich am Wochenende mal „schnell“ durch die 730 Seiten gelesen…

Ich habe gelacht,

[…] die >>Dualität des Kitzlers als Bezeichnung und als Bezeichnetes<< […] (S. 363)

geweint, war total berührt,

Ist es dir kalt da drinnen? In deinem Herzlos? (S. 545)

fasziniert, konnte das Buch nicht aus der Hand legen, habe viel über Israel gelernt, war beeindruckt von den Erzählstrategien. Die ganze Zeit über dachte ich, das Buch kann auf zwei verschiedene Weisen enden: es gelingt Oda, vor der Nachricht zu fliehen, oder eben nicht. Ist ja logisch. Aber dann steht auf der vorletzten Seite plötzlich dieser eine Satz, der alles ändert. Natürlich kann ich ihn jetzt nicht verraten. Aber ich kann feststellen, dass mich leider viel zu selten Bücher so packen und am Ende sogar noch überraschen können. Wahrhaft große Literatur!!!

Und wie ist jetzt das Lesen auf dem iPad? Das ist ok, zeigt aber deutliche Schwächen im Vergleich zu bekannten ebook-Readern wie dem Kindle. Für mich werden ebooks sicher nicht das Buch ersetzen können, aber vielleicht ergänzen. Mir fehlt da die sinnliche Erfahrung. Und gerade bei einem so großartigen Buch möchte ich, dass es in meinem Regal steht, dass ich jederzeit darin blättern oder bestimmte Stellen nochmal nachlesen kann. Vor alem aber möchte ich ein Buch, das mir so sehr am Herzen liegt, an Menschen weiterreichen können, die mir ebenfalls am Herzen liegen… 🙂

[David Grossmann: Eine Frau flieht vor einer Nachricht. Hanser 2009.]